Archiv für Juni 2011

Ein Brief an das Internet

Herzlichen Glückwunsch, Internet, wenn ich jemals sowas wie eine Aufmerksamkeitsspanne hatte, hast du sie erfolgreich ruiniert. Du bringst mich dazu, Dinge zu kaufen, von denen ich ohne deine Existenz wahrscheinlich mein ganzes Leben lang nie gehört hätte. Du reduzierst meine Bereitschaft, mich kostenpflichtig mit meinen Freunden in Verbindung zu setzen auf ein jämmerliches Minimum(wer nicht online ist, hat halt Pech gehabt). Du bist das perfekteste Mittel der Prokrastination, das je erdacht wurde(und wer nicht weiß, was das ist, kann es ja googeln, und dann sofort wieder vergessen), und du raubst mir jegliches Zeitgefühl. Aber trotzdem du mich zu einem fauleren,ablenkbareren und ungeduldigeren Menschen machst, komme ich nicht umhin deine unbegreifliche Weisheit zu bewundern, du erweiterst meinen Horizont, deine unergründlichen Assoziationen haben mir schon so manchen Denkanstoß gegeben, und du bringst mich mit Menschen in Verbindung, denen ich nie begegnet wäre, wenn du nicht wärst. Also danke ich dir auch, lebendig gewordenes Gedankenexperiment derer, deren Verstand noch nicht durch dich vernebelt war. Du Segen und Fluch, intellektuell und doch barbarisch, kommunikativ und doch zutiefst einsam, bist so selbstverständlich für meine Generation geworden, dass ich schon nach einem Tag ohne dich nicht mehr weiß, wie ich nach Hause kommen soll, wann ich arbeiten muss, oder mit wem ich meinen Abend verbringen werde. Ich habe oft das Gefühl, dass man dich nicht nutzen, sondern nur von dir genutzt werden kann. Ich wünsche dir, körperloses Wesen mit der unstillbaren Gier nach immer mehr Daten, dass du mich überdauern wirst, und dass in dir all die Dinge die ich dir anvertraute, in ferner Zukunft, egal wie desinteressiert sie überflogen werden, vielleicht ein wenig unbemerkte Ewigkeit erlangen. In diesem Sinne: Viel Glück noch, Internet, wir sehen uns schon sehr bald wieder.